Deutschland aktuell: Tierquälerei – Die hässliche Seite der Luxusindustrie

Totgeprügelt oder lebendig entsorgt: Spanische Kaninchenfarmen behandeln ihre Tiere besonders grausam. Kunden sind nach ZEIT-ONLINE-Informationen die großen Luxuslabels.

In spanischen Kaninchenfarmen herrschen zum Teil grausame Bedingungen.

Auf den ersten Blick sieht der Berg weich und flauschig aus. Doch wer die Videoaufnahme länger betrachtet, erkennt: Es sind Fellreste und tote Kaninchen, die sich in einem großen Müllcontainer irgendwo in Spanien türmen. Immer wieder bewegt sich der Berg ganz leicht. Unter den Kadavern liegen Kaninchen, die zu klein oder dünn waren für die Zucht. Manche strampeln noch, andere atmen nur noch schwach. Sie hätten die Versuche, sie mit Metallstangen totzuprügeln, überlebt, berichtet die Tierschutzorganisation Animal Equality. Die Kaninchen verbrächten Stunden und manchmal sogar Tage auf dem Müllhaufen. Irgendwann erlägen sie ihren Verletzungen.
Immer wieder tauchen Aufnahmen misshandelter Tiere aus der Pelzindustrie auf. Meist sind es wackelige und unscharfe Bilder, die heimlich und innerhalb kurzer Zeit aufgenommen wurden. Wo die Pelze der misshandelten Tiere verarbeitet werden, darüber gibt es in der Regel nur Spekulationen oder Mutmaßungen.

Im Fall der Kaninchen aber liegen ZEIT ONLINE Video- und Fotoaufnahmen aus einer zweijährigen Undercover-Recherche von Animal Equality aus 70 Kaninchenbetrieben in Spanien vor. Die Felle aus ihnen landen nicht etwa in chinesischen Billigparkas. In einer heimlich aufgenommenen Szene wird eine brisante Verbindung offenbar. Laut einem der wichtigsten spanischen Fellhändler, Curticub, gehören die wichtigsten Luxusfirmen der Welt zu den Abnehmern der Farmen: Marken wie Burberry, Armani und Marc Jacobs.

Curticub ist einer der großen Zwischenhändler in der Branche, die Pelze aufkaufen und an die Modemarken vertreiben – laut den Tierschützern hat er Verbindungen zu 40 der besuchten 70 Betriebe. In jeder der Farmen sei gegen Tierschutzgesetze verstoßen worden, sagt Animal Equality. Der Curticub-Chef scheint von den Luxuslabels über den späteren Einsatz der Felle relativ genau instruiert worden zu sein. Den Tierschützern, die sich als „Geschäftspartner“ ausgaben, sagte er etwa: „Wir fertigen in diesem Jahr weiße Pelzbesätze für Christian Dior an, einige mit weißen Flecken auf schwarzem Grund. Die sind für Kapuzenpullis und Jacken für Kinder.“ Dior zeigt sich auf Anfrage erschrocken von den Bildern aus den Zuchtfarmen und erklärt, das Unternehmen verwende keine Kaninchenfelle. Der Händler sei nicht bekannt.

Der Pelzhandel boomt

Zwar ist in Deutschland das Tragen von Pelzen in vielen Kreisen verpönt. Einzelne Händler wie Otto, Kaufland, C&A und S.Oliver verpflichten sich sogar, überhaupt keine Textilien mit echtem Pelz zu verkaufen. Doch weltweit boomt das Geschäft. Der Umsatz mit Pelzen ist nach Branchenangaben zwischen 2000 und 2010 um 70 Prozent in die Höhe geschnellt – auf mehr als 14 Milliarden Dollar. Vor allem die Luxuslabels wollen auf Pelz nicht verzichten. Wer bei Burberry 4.795 Euro hinlegt, bekommt zum Beispiel eine „Jacke aus Kaninchenfell mit Kaschmirfutter“. Die Herkunft ist offen angegeben: „100 Prozent Zuchtkaninchenhaar, Spanien“. Unter welchen Umständen diese Jacken angefertigt werden, lässt sich für das einzelne Modell aber kaum sagen.

Die Aufnahmen der Tierschützer aus den Dutzenden Ställen zeigen Szenen, deren Grausamkeit schwer zu ertragen ist. Kaninchen werden an den Hinterbeinen gefasst und gegen Metallgitter oder Mauervorsprünge geschlagen, um sie schneller und billiger zu töten. Andere Tiere werden durch Schläge mit der flachen Hand auf den Hinterkopf totgeprügelt, was meist erst nach mehreren Hieben funktioniert.

In den Drahtkäfigen befinden sich lebendige neben toten Tieren, deren Kadaver schon stark verwest sind. Manche Tiere sind so gestresst, dass sie sich gegenseitig die Ohren abreißen. Zu sehen sind Kaninchen, deren Köpfe durch offene Wunden entstellt sind und die nach Angaben der Tierschützer nicht behandelt werden, sondern qualvoll verkümmern. „Wir sahen Tiere, die taumelten, die Gesichter angeschwollen von starken Infektionen“, berichten die Tierschützer.

Einheitliche Regeln zum Schutz der Pelztiere in Europa gibt es nicht. Der Europarat hat lediglich Empfehlungen abgegeben – jedes Land kann sie umsetzen, muss das aber nicht tun. Ganz generell seien die Regeln für Tiere, deren Fleisch gegessen werden soll, weniger streng als für Pelztiere, erklärt Susanne Kolb-Wachtel, die Geschäftsführerin des Deutschen Pelzinstitutes. Es vertritt die Interessen der Branche. „Was wir essen, kann ein bisschen mehr gequält werden, als das, was wir tragen.“ Kolb-Wachtel lacht ins Telefon, als sie das sagt.
Die maximale Kritik, die sich die Lobbyistin über die spanischen Kaninchenhalter abringen kann: „Natürlich ist das im Kopf ein schlichter Bauer.“ In Spanien seien aber viele Landwirte arm und würden für Geld vor der Kamera auch manches machen, behauptet sie. Einige Bilder seien gestellt. Animal Equality weist das zurück.

Kein Unbedenklichkeitslabel

Kaninchen gelten in der Branche – anders als zum Beispiel Nerze – als nicht besonders edle Felllieferanten. Die deutschen Pelzhändler würden die Felle erst ab dem Schlachthaus kaufen und könnten deshalb auch kein Unbedenklichkeitslabel (wie zum Beispiel „Herkunft garantiert“) ausstellen, sagt Kolb-Wachtel und witzelt: „Mit dem Körper haben wir erst zu tun, wenn er in Weinsoße eingelegt ist.“

Man muss ihr zugutehalten, dass sie sich als eine der ganz wenigen in der Branche überhaupt auf ein Gespräch einlässt. Die meisten der genannten Unternehmen wollen sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Manchmal reicht die bloße Nennung von „Tierpelz“, schon heißt es am anderen Ende der Telefonleitung: „Kein Kommentar!“
Burberry zeigt sich erschüttert über das „grausame und illegale Handeln“, welches die Videos dokumentierten. „Die verantwortlichen Personen sollten (…) mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft werden.“ Burberry gehe den Vorwürfen nach und prüfe seine Lieferkette. Generell nehme das Unternehmen nur Pelze aus europäischen Farmen ab, in denen die EU-Richtlinien umgesetzt würden.

Pelz-Lobbyistin Kolb-Wachtel hält das Totschlagen von jungen oder kranken Tieren an einem Scheunentor oder Metallgitter dagegen für normal. So werde auch heute noch mit Katzen verfahren: „Gehen Sie mal aufs Land!“ Kolb-Wachtel hat früher für die Pharmaindustrie gearbeitet und zu Tieren ein eher pragmatisches Verhältnis. Einem Kaninchen hat sie zum ersten Mal mit fünf Jahren das Fell abgezogen. So richtig anfreunden konnte sie sich mit den Tieren nicht. Die seien ganz generell „unglaublich blöd“.

AG (Raffi)
Quelle: ZEIT IMG_1099.PNG